Wenn Menschen Lebensgeschichten erzählen

Jeder Mensch ist anders. Jeder hat seine eigenen Träume und Ziele, die er verfolgt. Jeder macht im Laufe seines Lebens verschiedene Erfahrungen, die er mit Menschen teilen kann. Jeder ist von unterschiedlichen Leidenschaften und Interessen geprägt. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen…

Neuseeland ist ein Land, in dem es unglaublich einfach ist, spontan Menschen kennenzulernen. Man kommt total schnell mit Fremden ins Gespräch, sei es nun auf dem Wochenmarkt beim Einkaufen, in jeglichen anderen Läden in der Stadt oder einfach mal mitten auf der Straße. Die Neuseeländer finden es toll, dass ihr Land so viele Reisende anzieht und sind daher immer froh, wenn sie einem weiterhelfen können. Ich habe selten so viele freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt wie in Neuseeland, die einem alle sofort mit Vertrauen begegnen, obwohl sie einen gar nicht kennen.

Und so kommt es, dass ein großer Anteil an Leuten nicht wie gewöhnlich einen Bus bucht oder ein Auto kauft, um von Ort zu Ort zu kommen… sondern sich stattdessen einfach an den Straßenrand stellt, den Daumen heraushält und darauf wartet, mitgenommen zu werden.

Seit ich in Neuseeland bin, habe ich so viele Geschichten dazu gehört. Jeder zweite erzählt, dass er es hin und wieder versucht hat, dass es so einfach sei… Und manche reisen sogar ausschließlich auf diese Weise herum. Ein paar Wochen nachdem ich hier angekommen bin, habe ich mir daraufhin vorgenommen, es zumindest ein einziges Mal auszuprobieren, bevor ich wieder zurück nach Deutschland fliege. Im Endeffekt hat es nun ganze fünf Monate gedauert, bis ich mich endlich getraut habe… Aber ich habe es geschafft und bin sicher an meinem Ziel angekommen, mit ein paar interessanten Menschen, die ich dabei auf der Strecke kennengelernt habe.

Nachdem ich alles, was ich für drei Nächte brauchte, in meinen Rucksack gepackt hatte, habe ich dann meinen Koffer in einem Hostel in Nelson untergebracht. Ich wollte nämlich ungerne mit einem Koffer hitchhiken… Irgendwie erscheint es mir sehr viel einfacher, wenn man einfach nur einen Rucksack dabeihat. Mein Ziel war es, von Nelson bis nach Takaka zu kommen, eine Strecke, die normalerweise mit dem Auto um die zwei Stunden dauert. Ich hatte so viel Interessantes von Takaka gehört und hatte mich daraufhin entschieden, dass ich hier noch einen Zwischenstopp einlegen wollte, bevor es zum nächsten WWOOFing-Stopp geht – Takaka ist zwar eine kleine Stadt, soll aber die „Hippie“-Stadt Neuseelands sein mit einem grundsätzlich etwas alternativeren Lifestyle. Außerdem hatte ich noch von einem Bekannten einen Kontakt zu einer Familie dort bekommen, die ich gerne mal besuchen wollte. Ich war also sehr gespannt, was auf mich zukommen würde…

Gestern Morgen habe ich mich schließlich auf den Weg zur Hauptstraße in Nelson gemacht und bin ungefähr eine Stunde lang blöd dort umhergelaufen, weil ich mich nicht überwinden konnte, mich tatsächlich an den Straßenrand zu stellen. Irgendwann habe ich es aber dann einfach getan. Es war ganz schön viel Verkehr auf der Straße, deshalb hat es vielleicht zwei Minuten gedauert, bis ein Auto angehalten hatte…

Im Auto saß eine etwas ältere Dame, die sich mir als Yvonne vorgestellt hat. Sie meinte, ihr ursprünglicher Name sei Genie wie „Genie in the Bottle“ – der Flaschengeist, bei dem man Wünsche freihat – aber da sie mit dem Namen immer blöde Sprüche hören musste, nennt sie sich mittlerweile nur noch Yvonne. Sie war sehr gesprächig und hat erst einmal zehn Minuten lang von sich selbst erzählt, ohne dass ich zu Wort kam :-). Als sie jünger war, hatte sie kaum Zeit für irgendetwas, weil sie 80 Stunden die Woche gearbeitet hat… Sie hat auf ihre Kinder aufgepassst, das Haus saubergehalten, getanzt, geschrieben und als Masseuse gearbeitet. Irgendwann hat sie gemerkt, dass sie nicht mehr konnte und hatte einen totalen Zusammenbruch, als sie sich eine Auszeit nehmen wollte. Dann hat sie noch erzählt, dass sie daraufhin eine psychologische Behandlung brauchte und in einer Zelle eingesperrt wurde… Heute schreibt sie über ihre Erfahrungen von damals und hofft, dass sie anderen damit helfen kann, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen.

Nun ja, ich habe mich einige Male während dem Gespräch gefragt, ob das wirklich alles so stimmt… Manches klang schon sehr surreal :-). Ich denke mal, sie erzählt einfach gerne Geschichten und „schmückt“ diese Geschichten dann gerne ein wenig aus. Yvonne hat mich schließlich bis in den nächsten Ort gebracht, von wo aus ich mich dann an die direkte Straße nach Takaka stellen konnte. Sie musste dann in die andere Richtung weiter, um zwei Freundinnen zu besuchen.

Die Straße, an der ich dann stand, war nicht mehr ganz so voll wie die vorherige. Aber trotzdem hat es nur ungefähr fünf bis zehn Minuten gedauert, bis ein Auto anhielt…

Diesmal war es ein großes schwarzes Auto, in dem ein Vater mit seinem Sohn vorne saß. Mir ist danach aufgefallen, dass wir uns gegenseitig überhaupt nicht vorgestellt haben – ich kann euch also leider nicht sagen, wie sie hießen :-). Jedenfalls haben sie mich für 45 Minuten mitgenommen, bis sie dann in einen anderen Ort abbiegen mussten. Die beiden wohnen in Nelson, waren aber auf einem Tagestrip in Richtung Takaka, um dort jemanden zu besuchen und nebenbei etwas Arbeit zu erledigen. Der Vater ist beruflich Bauarbeiter, baut Dächer und beschäftigt sich mit Hausbau generell. Er war allerdings das komplette Gegenteil von der Dame, bei der ich vorher im Auto saß – er war eher weniger gesprächig und hat mehr Fragen gestellt. Trotzdem aber total nett!

Er hat mich dann an der Stelle abgesetzt, die ihr oben auf dem Titelbild sehen könnt. Von dort aus war es noch knapp eine Stunde bis nach Takaka. Das Ding ist aber, dass die Straße, an der ich nun stand, nur nach Takaka führte… Im Prinzip müsste also jeder, der dort langfährt, auch nach Takaka fahren. Es war dann glaube ich das sechste oder siebte Auto, das angehalten hat…

Ein Typ namens Morgan, etwas über 30, der mir von allen, bei denen ich mitgefahren bin, am sympathischsten war. Er musste erst einmal seinen Beifahrersitz ein bisschen freiräumen, bevor ich mich hinsetzen konnte – unter anderem lag da nämlich eine Gitarre drauf. Morgan ist in Neuseeland geboren, ist aber vor einigen Jahren selbst als „Hitchhiker“ durch Neuseeland gereist. Er meinte, er geht auch sehr gerne wandern und liebt die Natur in Neuseeland – tja, kann ich nur bestätigen! Er arbeitet in der Nähe von Nelson, in einer speziellen Schule für geistig behinderte Mädchen im Teenageralter und es sei immer toll zu beobachten, wie die Mädchen Fortschritte im Lernen machen. Man hat gemerkt, dass ihn sein Job wirklich erfüllt. Außerdem hat er selbst vier Kinder, ist aber von seiner Frau getrennt. Zwei der Kinder leben mit ihm zusammen, die anderen zwei mit seiner Frau und sie sehen sich alle noch regelmäßig wieder. Wenn Morgan Zeit mit seinen Kindern verbringt, dann bringt er oft die Gitarre mit und macht mit ihnen zusammen Musik.
Zum Schluss kamen wir noch auf das Thema WWOOFing und alles was damit zusammenhängt. Da hat er erzählt, dass er kurz davor ist, sich einen House Truck zu kaufen und ihn sich mit Wasserversorgung, Küche und allem einzurichten – sozusagen eine Art Wohnwagen, in dem er dann fast dauerhaft wohnen möchte.

Er selber war auf dem Weg nach Takaka, um eine kurze Wanderung zu machen und danach ein Yoga-Event in der Stadt zu besuchen. Abends musste er dann wieder im Dunkeln die Straße zurück nach Nelson fahren.

Ich wurde dann so ziemlich in der Mitte der Stadt abgesetzt und hatte es in etwas mehr als zwei Stunden nach Takaka geschafft. Juhu! Mit war es dann allerdings zu spät, noch die Familie besuchen zu gehen, deshalb habe ich mir ein Hostel zum Übernachten gesucht und werde mich nun, nachdem dieser Blogeintrag fertiggestellt ist, auf den Weg zur Familie machen… Und hoffen, dass sie überhaupt zu Hause sind, denn sie wissen nichts davon, dass ich komme oder wer ich überhaupt bin… 🙂

Bis bald und liebe Grüße!

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2 Gedanken zu “Wenn Menschen Lebensgeschichten erzählen

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